Phänomenologische Familien- und Systemaufstellungen

Phänomenologische Familien- und Systemaufstellung

Nur eine Methode oder mehr?

Als ich im Winter 2006 zu meinem ersten Aufstellungsseminar fuhr, habe ich noch nicht daran gedacht, irgendwann einmal selber Aufstellungen zu leiten oder gar eine Ausbildung dafür anzubieten. Vielmehr war es ein rein persönliches Interesse und einige meiner Lebensfragen, die mich dort hinführten. Doch dann hat mich die Aufstellungsarbeit so „gepackt“, dass ich mehr darüber erfahren wollte, und ich entschied mich für die Ausbildung zur Familien- und Systemaufstellerin und systemischen Beraterin.

 

„Das was wir unseren Klienten wirklich geben können sind wir selber.“ (Hunter Beaumont)

 

Während meiner Ausbildungszeit lernte ich mich selbst und die anderen KursteilnehmerInnen tiefer kennen und verstehen. Wir teilten die „Innenseite“ unseres Lebens miteinander, dass was jeden einzelnen berührte, schmerzte, ihm oder ihr Kraft gab. Wir teilten unser Mensch-Sein miteinander. Unsere innere Verbundenheit wuchs mit jedem Ausbildungswochenende. Dabei handelte es sich für mich nicht um ein gemachtes „Heile-Welt-Gefühl“. Vielmehr hatte es mit einem Sehen, Verstehen und Sein-Lassen unserer Unterschiedlichkeiten und ganz eigenen Lebenswege zu tun. Dazu haben meine verschiedenen Stellvertreter-Rollen wesentlich beigetragen.

 

Von Herzen verstehen

Eine Freundin hatte mir mal gesagt: „Bei einer Aufstellung begreifst Du vom Herzen aus nicht vom Verstand.“ Während meiner Ausbildung habe ich genau das gelernt. Ich „stand“ als Geliebte, Betrügerin, Mörderin, ungeborener Zwilling u. v. m. und ich „ver-stand“, warum jeder Mensch so „ticken musste, wie er tickt.“ Aber auch im Bereich der Objekte und Ideen schien es keine Grenzen zu geben: Da war ich auf einmal eine Stellvertreterin für eine Schule, einen neuen Berufswunsch, Geld, Transsexualität … Was für eine unglaubliche Vielfalt an Perspektiven und Erlebnissen sich mir da bot. Ein Erfahrungsschatz, der auch noch heute meinen persönlichen und beruflichen Alltag prägt. Und wenn unser Herz erst einmal etwas wirklich gefühlt hat, spürt es den nächsten Schritt, der zu tun ist, ganz von allein.

 

Phäno – meno – was …?

Und dann war da noch die „Phänomenologie“. Dieses fast unaussprechliche Wort.
Es war das geflügelte Wort während unserer ganzen Ausbildungszeit und wurde in jedem möglichen und unmöglichen Zusammenhang von uns verwendet. Es auszusprechen fiel zunehmend leichter, aber die wirkliche Dimension dieses „Begriffs“ erschließt sich mir bis heute von Jahr zu Jahr mehr.
Eigentlich ist es genau das, was jeder erleben kann, der als Stellvertreter in einer Aufstellung steht. Ohne viel über die Person zu wissen, für die man steht, vertraut man sich genau diesem Nicht-Wissen an und öffnet sich für das, was sich zeigt (Phänomen). Man spürt Empfindungen, Bewegungsimpulse und folgt ihnen. Die Klienten, für die ein Anliegen aufgestellt wird, erkennen oft schnell die „dargestellte“ Person genau wieder. Es kommen Sätze wie z.B.: „Genau so steht meine Mutter dann da. Und dieser Blick. Genau wie ihrer“. Jeder Zweifel, ob diese Methode funktioniert, weicht einem stillen Staunen und späteren Vertrauen.

 

„In einer Stellvertreterrolle werde ich in Resonanz mit der Person, für die ich stehe, vom Leben selbst bewegt“. (Wilfried Nelles, Das Leben geschieht)

 

Es funktioniert. Warum? Auf diese Frage gibt es inzwischen zahlreiche wissenschaftliche wie unwissenschaftliche Antworten, die aber alle zunehmend unwichtig werden, wenn man erst spürt, wie heilend Aufstellungen sein können und wie viel inneren Frieden sie schenken.

 

Aufstellungen im Einzel- oder Gruppensetting – alles ist möglich

Neben meinen monatlichen Aufstellungsabenden wende ich die Aufstellungsarbeit auch gern in meinen Beratungen an. Schnell sind die kleinen Holzpüppchen, die Playmobilfiguren oder andere Materialien zur Hand, und ich lasse z.B. Eltern einfach mal ihre Familie aus ihrer jeweils ganz persönlichen Sicht aufstellen. Ohne viele Worte zuvor sind wir dann oft schon beim Kernthema. Die Reaktion meiner Klienten auf diese Methode ist sehr positiv und baut in vielen Fällen auch die Brücke zur Teilnahme an einem Aufstellungsseminar in der Gruppe.

Aus meiner Sicht ist allerdings ein Nutzen der Aufstellungsmethode im Einzelsetting ohne ausreichende und fundierte Erfahrungen in der Gruppe nicht sinnvoll. Hat man dagegen schon in den verschiedensten Stellvertreterrollen gestanden und zahlreiche Aufstellungen miterleben können, geschieht die Umsetzung in der Einzelberatung fast von allein.

 

Im LIP geht es nur um Dich

LIP steht für Lebens-Integrations-Prozess. Mein „Lehrvater“ Wilfried Nelles hat ihn während unserer Ausbildungszeit entwickelt. Während es in den meisten Aufstellungen um unsere Beziehung zu einem anderen Menschen geht, nimmt der LIP die Beziehung zu mir selber in den Blick. Beim LIP braucht es also kein „Problem“, sondern nur ein waches und ehrliches Interesse an uns selbst.
Dabei stehen die Stellvertreter für unsere verschiedenen Lebensstufen – von der Zeit im Mutterleib, über die Kindheit und Jugend bis zur Stufe des Erwachsenen. Hier stehen wir selbst und begegnen uns nun in einem langsamen, stillen und sehr persönlichen Prozess. Wir schauen uns jede Lebensphase mit offenem Herzen an, ohne den Wunsch etwas daran ändern zu wollen. Es geschieht ein Zu-Lassen und Sein-Lassen von all dem was war und ist. Dann ist meine Energie nicht mehr in der Vergangenheit gebunden, sondern steht mir in meiner Gegenwart zur Verfügung.

Eine Methode wird für mich zur Lebensphilosophie

Die phänomenologische Aufstellungsarbeit begleitet mich nun seit mehr als 12 Jahren. In vielen meiner Lebensfragen hat sie mir seitdem wichtige Handlungsimpulse gegeben. Im Sehen und Fühlen der Grunddynamiken meines Lebens konnte ich mir selber immer wieder auf neue Weise begegnen. Die Phänomenologie, zunächst als Methode erlernt, ist mir zur Lebenshaltung geworden.

Ein Gastbeitrag von Systemaufstellerin und Dozentin Astrid Wilke