2ter Brief von (D)einem inneren Kind

Zweiter Brief von (D)einem inneren Kind

Hallo Du da, weißt Du wer ich bin?

 

Wenn Du Zweifel hast, dann bin ich das. Wenn Du Angst hast, dann bin ich das, wenn Du Dich schämst, dann bin ich das. Ich bin all Deine Gefühle, die in Dir sind. Ich bin Dein Inneres Kind.

Du hast mal wieder gemerkt, wiiiie ich Dein Leben auf den Kopf stellen kann, ne? Aber das muss ich, denn sonst nimmst Du mich ja gar nicht mehr wahr. Weißt Du wie weh das tut, wenn Du für alle anderen da bist und für alle anderen was tust und alle anderen wichtig sind, außer mir. Das macht mich so traurig, dass ich in Deinem Leben anscheinend gar nicht wichtig bin. Erinnerst Du Dich, als ich Dir gesagt habe:

„Ich habe jetzt Lust barfuß im Regen zu tanzen.“

Zuerst hast Du meine Freude darüber angenommen und Dich so richtig gut gefühlt. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie schön das mit Dir ist, aber dann kam so ein blöder Gedanke, den ich bis zu mir gespürt habe, der war so: „Was sollen denn die Leute denken, wenn ich jetzt hier barfuß im Regen tanze? Es ist zwar warm aber, nee, das ist eigentlich total kindisch. Nein, absolut nicht. Ich bin 47 Jahre und kein Kind mehr. Nein, das macht man nicht. Ich gehe mal lieber die Akten sortieren.“

 

Menno, ich wollte so gerne mal wieder mit Dir zusammen was machen,…

…Spaß haben, etwas machen, was uns beide Freude macht und dann kommen diese Sau blöden Sätze aus Deinem Kopf. Da habe ich mich traurig und enttäuscht wieder zurückgezogen, weil Du mich ja mal wieder, wie so oft, weggedrückt hast.

Dann kam so eine ganz komische Situation, wo Du das neue Kleid anhattest, das schöne bunte, was wir zusammen ausgesucht haben. Erinnerst Du Dich, wie Du dann auf der Straße diese Frau wiedergesehen hast und ihr habt geredet? Dann meinte sie: „Das Kleid ist ja wirklich schön, aber mit Deiner Figur würde ich das nicht anziehen. Das steht Dir nicht.“ Autsch, Auaaaa, das tat so so weh und ich habe Dir gezeigt, wie weh mir dieser Satz getan hat, hab Dir Erinnerungen aus unserer Schulzeit gezeigt, in der mich die anderen Kinder beleidigt, mit Fingern auf mich gezeigt haben und dabei riefen: „Passt auf, da kommt die dicke fette Kuh.“ Ich habe Dir das Bild gezeigt, wo mich alle ausgelacht haben und ich habe Dir meinen großen Schmerz gezeigt.

 

Ich brauchte in dem Moment doch nur Deinen Trost, …

…dass Du meinen Schmerz wahrnimmst, dass Du für mich da bist. Aber das warst Du nicht, Du hast Deine Gefühle und damit mich weggedrückt, so wie immer. Mama, hast Du mich denn nicht mehr lieb? Ich brauche Dich. Ich bin ohne Dich ganz alleine. Warum drückst Du mich weg? Warum willst Du Dich nicht um mich kümmern? Du bist doch die Große, Du bist so stark und so klug. Warum hast Du mich nicht vor der Frau verteidigt? Warum hast Du ihr nicht gesagt, wie ich mich fühle, wie Du Dich fühlst, wenn sie mir so weh tut.

Jetzt habe ich keine andere Möglichkeit, damit Du mich nicht mehr wegschieben und verraten kannst, als ganz ganz viel in Dein Leben zu kommen, ganz ganz viel in Dein Leben zu ziehen, damit Du mich siehst und fühlen musst. Mama, ich mache das wirklich nicht gerne, weil ich weiß, wie wichtig Dir Dein eigenes Kind ist, Deine Beziehung ist, Deine Arbeit, Deine Freunde….aber ich brauche Dich mehr als irgend jemand auf der Welt, ja manchmal sogar mehr als Deine kleine Tochter.

Du bist mit Deiner Kleinen Tochter auf dem Spielplatz und sie spielt mit den anderen Kindern im Sand, rutscht die Rutsche runter, schaukelt, alles das, was ich auch gerne mache. Vielleicht möchte sie auch mal barfuß im Regen tanzen? Jetzt ist sie hingefallen, als sie schnell von der Schaukel runter wollte und sie hat sich das Knie weh getan. Sie weint und ruft nach ihrer Mama, nach Dir.

Spürst Du Mama, dass Du eigentlich zu ihr hin, sie in den Arm nehmen und trösten möchtest?

Deine Kleine. Aber Du kannst nicht, Du bleibst auf der Bank sitzen und Du kannst Dich nicht bewegen. Ich lasse Dich nicht. Ich will das nicht. Warum bist Du für die Kleine da und tröstest sie, aber nicht für mich? Ich bin jetzt so stark in Dir, dass ich Dich nicht nur nicht zu ihr lasse, ich schicke Dir auch einen Satz in Deinen ach so tollen Kopf. Ja, ich weiß, ich spüre, Du willst ihn gar nicht hören, denn es tut so weh. Aber Mama, mir tut das noch viel, viel mehr weh, dass Du mich immer wieder allein lässt. Mama, bitte, ich hab keine andere Wahl und weiß nicht, wie Du endlich meinen ganz ganz dollen Schmerz spürst, deswegen schicke ich Dir jetzt diesen Satz.
Deine Tochter kommt zu Dir, weint und zeigt auf das Aua-Knie, Du bleibst sitzen, nimmst sie nicht in den Arm und ich schick Dir den Satz:

„Sieh zu wie Du klar kommst, ich nehme Dich nicht in den Arm. Mich hat meine Mama auch nie in den Arm genommen.“

Das tut Dir so weh Mama, ich weiß, aber das ist mein Schmerz und ich bin grade so traurig und sooooo eifersüchtig auf Deine kleine Tochter, die so eine tolle Mama hat, die für sie da ist.

Erinnerst Du Dich daran, unsere Mama wollte uns gar nicht und wie sind auch nicht bei ihr aufgewachsen. Sie hat mich weggegeben, da war ich grade mal 1 Jahr alt. Sie hat mich nicht gewollt. Ich war bestimmt so hässlich und auch bestimmt so dick, dass sie mich nicht wollte. Warum? Warum hat meine Mama mich nicht bei sich gelassen? Ich hätte alles dafür getan. Ich kenne es gar nicht mit Mama und Papa zu leben, weil ich mich gar nicht an dieses 1 Jahr mit den beiden erinnern kann. Ich bin so traurig und ich brauch Deinen Trost. Bitte, bitte kümmere Dich um mich.

Jetzt spürst Du meinen Schmerz, Du lässt ihn zu, weinst meine Tränen und nimmst Deine kleine Tochter jetzt in Deine Arme, wiegst sie hin und her und küsst ihr Aua Knie. Dabei sagst Du:

„Weine ruhig mein kleiner Schatz. Das tut bestimmt ganz doll weh. Ich bin für Dich da und ich tröste Dich. Ich beschütze Dich. Lass die Tränchen ruhig fließen, dann wird es Dir besser gehen.

Es ist so schön, dass Du diese Worte zu Deiner Kleinen Tochter sagst, …

…aber ich spüre, dass Du sie auch zu mir gesagt hast, dass Du mich jetzt wieder wahrnimmst und spürst, dass ich von Dir getröstet werden möchte.

Mama, ich liebe Dich und ich fange an Die wieder zu vertrauen. Ich werde mich immer wieder nicht nur mit den ganzen schmerzhaften, doofen Gefühlen, die noch in mir sind zeigen, sondern ganz oft auch mit meinen, in Du sie nennst, kindlichen Impulsen. Drück die bitte nicht weg, rede sie Dir nicht wieder aus, denn damit schubst Du mich von Dir weg und ich liebe Dich doch so sehr.

Du bist ich und ich bin Du. Wir gehören zusammen, für immer.“

Dein Inneres Kind

Was macht das mit Dir, wenn Du diesen Brief liest?

Ein Gastkommentar von Kirsten Stefen (Psychologische Beraterin)